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„Aber ich wollte doch meine Partnerschaft aufstellen – nicht meine Mutter!“

27. Aug.
4 Min. Lesezeit

Warum eine Familienaufstellung manchmal anders verläuft, als der Kopf es erwartet


Eine Aufstellung beginnt oft lange vor dem ersten gesprochenen Wort.
Eine Aufstellung beginnt oft lange vor dem ersten gesprochenen Wort.

„Aber ich wollte doch meine Partnerschaft aufstellen – nicht meine Mutter!“.

Diesen oder so einen ähnlichen Satz höre ich immer wieder. Manchmal unmittelbar nach einer Aufstellung, manchmal erst in einem späteren Gespräch.


Und ich kann die Enttäuschung verstehen: Da hat sich jemand tagelang oder sogar wochenlang mit seinem Anliegen beschäftigt, hat überlegt, abgewogen, verworfen und neu formuliert. Und dann nimmt die Aufstellung eine Richtung, die der Kopf nicht vorgesehen hatte.


War das dann die falsche Aufstellung?


Aus meiner Erfahrung: nein! Manchmal ist das mitgebrachte Anliegen die Tür – aber eben nicht der Raum, den wir schließlich betreten.


Noch bevor das erste Wort gesprochen wird


Eine neue Aufstellung beginnt für mich nicht erst mit der Frage: „Was ist dein Anliegen?“

Sie beginnt viel früher …


Ich nehme wahr, wer sich meldet. Kommt der Impuls spontan und deutlich? Melden sich mehrere Menschen? Gibt es zwischen ihren Themen eine Verbindung oder braucht eines davon zuerst Raum?


Wenn sich jemand auf den freien Stuhl neben mich setzt, achte ich auch auf die leisen Dinge: Wie kommt die Person nach vorne? Wohin geht ihr Blick? Wie sitzt sie da? Wie stehen die Füße? Was machen die Hände? Und was nehme ich selbst wahr, wenn ich mich innerlich mit ihr und ihrem Anliegen verbinde?


All das geschieht, bevor viel gesprochen wurde. Nicht, um einen Menschen zu analysieren oder vorschnell zu deuten. Sondern um still zu werden für das, was sich zeigen möchte.


Der Kopf möchte Sicherheit


Wer ein eigenes Thema aufstellt, kennt vielleicht diese Fragen, die man sich bereits im Vorfeld stellt:

·     Ist das wirklich mein Thema?

·     Oder geht es eigentlich um etwas ganz anderes?

·     Kann ich das vor der Gruppe aussprechen?

·     Schäme ich mich vielleicht dafür und wähle lieber etwas „Leichteres“?

·     Ist dieses Anliegen die Zeit und den Aufwand wert?

·     Was soll nach der Aufstellung anders sein?

·     Was, wenn gar nichts passiert?

·     ...


Der Kopf versucht, sich vorzubereiten. Das ist verständlich. Er möchte wissen, was geschieht, wohin der Weg führt und wie die Lösung aussehen wird. Am liebsten würde er die Aufstellung schon im Voraus durchdenken.

Doch genau das ist in meiner Arbeit nicht möglich – und auch nicht notwendig.


Der Kopf möchte verstehen. Die Aufstellung beginnt dort, wo wir stiller werden.
Der Kopf möchte verstehen. Die Aufstellung beginnt dort, wo wir stiller werden.

Was „phänomenologisch arbeiten“ bedeutet


Ich arbeite beim Familienaufstellen phänomenologisch. Vereinfacht gesagt bedeutet das: Ich folge nicht einer vorher festgelegten Geschichte oder einem fertigen Lösungsplan. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf das, was sich im gegenwärtigen Moment über Wahrnehmungen, Beziehungen und Bewegungen der Stellvertreter zeigt. Auch ich weiß zu Beginn nicht, wie eine Aufstellung verlaufen wird. Und ich mache mir auf gar keinen Fall einen Plan für ihr Ende!


Als Aufstellungsleiter gehe ich mit dem Anliegen in Kontakt, ohne mich in eine fertige Erklärung hineinzubegeben. Ich spüre, mit welchen Rollen oder Elementen die Aufstellung beginnen kann, wähle die Stellvertreter aus – und dann geben wir dem, was sich zeigen möchte, den Raum.


Zunächst muss ich als Aufstellungsleiter oft gar nicht viel tun. Ich beobachte. Ich achte. Ich warte, bis erkennbar wird, wohin die Bewegung führt und ob ein behutsamer Impuls nötig ist.


Dein Anliegen ist der Anfang – nicht die Regieanweisung


Natürlich beginne ich bei dem Thema, das du mitbringst. Geht es um deine Partnerschaft, beginnen wir dort. Geht es um ein Kind, das sich auf eine Weise verhält, die dir Sorgen macht, nehmen wir auch dieses Anliegen ernst.


Aber niemand kann vorher sicher wissen, welcher Zusammenhang sichtbar wird.

Vielleicht zeigt sich hinter einem Partnerschaftskonflikt die frühe Beziehung zur eigenen Mutter. Vielleicht wird eine fehlende Verbindung zum Vater spürbar. Vielleicht taucht jemand auf, der im Familiensystem bisher kaum gesehen oder ausgeschlossen wurde. Vielleicht zeigt sich etwas ganz anderes.


Das bedeutet nicht, dass dein ursprüngliches Anliegen übergangen wurde. Es kann bedeuten, dass die Aufstellung an eine tiefere Wurzel rührt.



Manchmal führt ein Partnerthema zu einer früheren, prägenden Beziehungserfahrung.
Manchmal führt ein Partnerthema zu einer früheren, prägenden Beziehungserfahrung.

Was hat meine Mutter mit meiner Partnerschaft zu tun?


Die Beziehung zu unserer Mutter gehört für uns alle zu den frühesten und prägendsten Beziehungserfahrungen. Auch der Vater, andere Bezugspersonen und die Dynamiken des gesamten Familiensystems wirken daran mit, wie wir Nähe, Bindung, Vertrauen, Trennung oder Zugehörigkeit erleben.


Wenn sich also bei einem Partnerthema die Mutter zeigt, ist das nicht zwangsläufig ein Umweg. Es kann ein Hinweis darauf sein, dass eine alte Bewegung bis in die heutige Partnerschaft hineinreicht.


Das lässt sich nicht allein mit dem Verstand klären oder erklären. Und vor allem: Das muss es auch nicht.


Zustimmen heißt nicht gutheißen


In einer Aufstellung begegnen wir manchmal etwas, das wir uns nicht ausgesucht haben. Dann ist unsere erste Bewegung vielleicht Widerstand: „Das wollte ich nicht sehen. Darum ging es doch gar nicht.“


Zustimmen bedeutet für mich nicht, dass du Verletzendes gutheißen, Grenzen aufgeben oder dich mit allem versöhnen musst. Es bedeutet zunächst nur:


„Ich achte, dass sich das jetzt gezeigt hat. Ich lasse es für diesen Moment so sein, wie es ist. Und ich stimme dem zu, wie es ist.“


Dieses Zustimmen kann der Anfang einer neuen inneren Bewegung sein.

Vielleicht bleibt dein Kopf trotzdem unzufrieden, weil er keine klare Antwort und keine fertige Lösung bekommen hat. Doch die Seele arbeitet nicht in geraden Linien – und vor allem nicht nach dem Zeitplan unseres Denkens.


Manchmal ist das, was zunächst wie ein falscher Weg erscheint, genau die Bewegung, die gefehlt hat.


Dein Anliegen öffnet die Tür. Was sich dahinter zeigt, dürfen wir nicht erzwingen – aber wir dürfen ihm achtsam begegnen.


Wie geht es nach einer solchen Aufstellung weiter?


Im zweiten Teil dieser Blogserie schreibe ich darüber, warum Unzufriedenheit nach einer Aufstellung nicht ungewöhnlich ist, weshalb Ruhe jetzt oft hilfreicher ist als Analyse und wann du das Gespräch mit deinem Aufstellungsleiter suchen solltest.


Der Artikel wird in ca. einer Woche veröffentlicht...


Weiterlesen: Was tust du, wenn du mit deiner Aufstellung nicht zufrieden bist?

 
 
 

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